Essigführung im Weinessiggut Doktorenhof Wiedemann in Venningen

Wir hatten vor kurzem das Vergnügen zu einer Essigführung beim Essigdoktor eingeladen zu sein. Schon seit mehreren Jahren wurde in unserem Bekanntenkreis geschwärmt wir sollten uns das anschauen. Prinzipiell sind wir ja sehr auf Genuss eingestellt und freuten uns schon auf die Erfahrung. Wir können auch jetzt schon sagen, dass es uns generell gefallen hat, auch wenn unser Bericht gleich nicht so klingen wird – wir halten halt nicht so viel vom Mystischen und Esoterischem Kram und der nur dem Marketing gilt und deren Verbreitung manchmal auch Schaden kann (siehe Impfungs-Skeptiker und Co)

Die Essigführung im Doktorenhof

Unsere Führung sollte um 13 Uhr beginnen und als wir dort ankamen waren wir nicht schlecht überrascht wieviel los ist. Wir hatten noch ein paar Minuten Zeit und schauten uns im Verkaufsraum um – was sofort auffiel war, dass alles auf Antik getrimmt ist. Das Weingut selbst gibt es zwar schon länger, aber die Essigmanufaktur erst seit 40 Jahren. Das Ambiente suggeriert aber, dass wir uns fast im Mittelalter befinden.

Im hinteren Raum gibt es samstags immer eine Verkostung – diesmal einen Obstsalat mit “Wenn die Schmetterlinge lieben” – ja so heißt der Essig, oder so ähnlich. Geschmacklich hat der Essig nicht gestört, die Mischung aus würzig und der ganz leichten Säure gab dem Obst ein kleines besonderes Etwas – aber wäre ich nicht darauf vorbereitet gewesen hätte ich wohl angenommen, dass der Obstsalat angefangen hätte zu vergären – also schlecht zu werden.

Nun ging es dann aber auch los – über 20 Leute, vielleicht auch 30 waren in der Führung als Gruppe und wir wurden langwierig begrüßt und darauf aufmerksam gemacht, dass wir gleich Umhänge bekommen würden, die warm sind und wenn es nicht ginge, dann könnten wir darauf verzichten – aber wir sollten sie wohl doch anziehen. War ein langer Satz zu lesen? Ja so hat sich das auch beim Zuhören angefühlt. 

Also gingen wir dann rein und haben alle diese mittelalterlichen Umhänge mit Kapuze bekommen und sind in den ersten Vergärungskeller bei schummriger Kerzenbeleuchtung. Essig muss anscheinend im dunklen Kellern gemacht werden … Spoiler: Ist nur für die Show.

Hokus Pokus Essigkurs im Weinessiggut

Denn die Show ist hier wichtig – nach etlichen Seitenhieben auf die Essig-Industrie und die Vorzüge von Essig für Gesundheit, zum Baden und überhaupt wurden wir belehrt dass die Homöopathie schon lange auf Essig schwört und dass man in einem Essig-Keller auch operieren könne weil die bösen Bakterien gegen die Essigbakterien keine Chance hätten. Ähm, bitte nicht!! Man erzählte uns auch dass die Pest-Doktoren im Mittelalter mit Essig die Ansteckung der Pest verhindert haben — wir wissen ja alle wie gut das funktioniert hat. Leider ist Essig auch als Lebensmittel eingetragen und man dürfe es nicht als Heilmittel anpreisen oder verwenden … 😳 gut so – wir brauchen nicht noch mehr Fehlinformation.

Es ging dann weiter in den Lager-Keller wo der nach einjähriger Gärung entstandene Essig in alten Barrique-Fässern gealtert wird und mit Kräutern versehen. Auch hier gab es nur Kerzenlicht, aber hier ging man nun endlich ein wenig mehr auf das handwerkliche Geschehen ein.

Über 40 verschiedenen Essige im Angebot im Weinessiggut

Jedes Jahr kommt ein neuer Essig in den Verkauf und deshalb hat sich in den letzten 40 Jahren auch einiges an Varianten angesammelt. Die meisten sind als Degustation-Essige gedacht, also zum Genuss an sich, nicht zur Verwendung in der Küche. Dann gibt es noch Heil-Essige und Bade Essige. Die Küchen-Essige sind auch mit ein paar Varianten vertreten – aber die sollte man nicht pur trinken, denn sie haben eine höheren Säure-Anteil, damit man ihn auch im Salat schmeckt.

Die Essige sind mit biologischen Zutaten versetzt, aber sie “verzichten” auf das Bio Kennzeichen, da sie die Rezepturen offenlegen müssten – und die Rezepturen sind ja so ein großes Geheimnis, dass es viel zu gefährlich wäre dass jemanden von Außerhalb die Zusammensetzung kontrolliert. Also muss man “Glauben” dass es Bio Zutaten sind, so wie man halt auch “Glauben” muss dass der Essig heilende Wirkungen hat.

Zum Ende der Führung wurde uns noch die Essigmutter vorgestellt und in einem Raum konnten wir zwei Senf Sorten verkosten (die ganz fürchterlich schmeckten) und eine Auswahl an getrockneten Kräutern und Bilder bestaunen. Die Bilder sind vom Essig-Doktor selbst, natürlich mit Essig gemalt, und wussten Sie, dass die Fresken der Sixtinischen Kapelle auch mit Essig fixiert wurden — Essig Essig überall 😄.

Auch wurden wir jetzt aufgeklärt warum wir die Roben tragen mussten. Weil wir stinken – oder zu gut riechen. Essig wird ja tatsächlich als Geruchs-Neutralisator verwendet, weil die Essigsäure Gerüchte oxidiert und bindet – sprich aufnimmt. Deshalb gibt es auch so viele aromatisierte Essige – weil es der Essig einfach macht. Jetzt kann man schon verstehen, dass die Essige, die hier im Keller liegen alle Gerüche der Besucher aufnehmen würden und das dies auch den Essigen schaden würde besonders weil sehr sehr viele Menschen durchgeschleift werden.

Die Essigdegustiation im Doktorenhof

Jetzt ging es endlich zum gemütlichen Teil über – der Essigdegustation. Wir wurden in einen anderen Keller geführt – diesmal mit Licht 😄 und vielen Stühlen. Es gab 5 verschieden Essige, die wir verkosten konnten, jeder hatte schon was und die Reihenfolge war auch so gewählt, dass man auch die Nuancen der verschiedenen Kräuter und Früchte jedes mal erkennen konnte. Überhaupt waren die Geschmacksnoten sehr gut zu erkennen, was das Ratespiel, welches bei jedem Durchgang gemacht wurde, nicht besonders interessant machte. 

Die Degustationsgläser selbst sind auch spezielle für den Doktorenhof entworfen worden und sehen ganz gut aus – der Dorn am Boden ermöglicht es besonders wenig Essig einzugießen – was bei den Preisen durchaus sinnvoll ist, mehr dazu später.

Eine kurze Zeit waren wir dann aber doch verwirrt, weil die Vortragende so viel von ihren eigenen Bienenstöcken und Honig erzählte, dass so mancher nicht ganz sicher war ob es jetzt um Essig mit Honig ging oder nicht.

Die Horror-Essigprobe im Verkaufsraum vom Doktorenhof

Nachdem die Führung somit abgeschlossen war gingen wir in den Verkaufsraum – denn in der Liste hatte uns tatsächlich ein Essig angesprochen – der Halali. Ein Salat-Essig der für die Verfeinerung von Gerichten mit Pilzen, oder für Steaks gut sein sollte.

Wie schon geschrieben gibt es samstags die Möglichkeit einige Essige zu Verkosten und deswegen gingen wir in den hinteren Bereich. Hier erlebten wir dann Unfreundlichkeit fast auf Berliner Niveau. Die Angestellte schnauzte die Kunden an, ob sie denn wirklich den einen oder anderen Essig haben wollen, denn man müsse die Reihenfolge beachten (ohne eine Reihenfolge vorzuschlagen). Natürlich hielt sich niemand an die Reihenfolge und wurde daraufhin eine weitere Probe verweigert – man solle doch später kommen, wenn man wieder was schmecken würde.

Auch war es klar, dass man Salat-Essige nicht verkosten könne – außer den Halali, aber nur als letzten – und wenn wir diesen Verkosten bekämen wir keinen anderen mehr.

Na, waren wir froh, dass wir nur den Halali kosten wollten. Der Geschmack hat uns dann auch ganz gut gefallen und nachdem wir gerne kulinarische (Betonung auf kulinarisch) Spezialitäten kaufen gingen wir auf die Suche nach dem Essig.

Geldbörse öffne dich für den Doktorenhof

Von alleine konnten wir den Essig nicht finden, zu viele Sorten ohne richtige Ordnung – wurden dann aber nach Nachfrage ruppig in eine Ecke geführt. Den Essig gab es auch in einem Senf und ein anderer Kunde nutze seine Chance, um die Mitarbeiterin zu fragen, wo man den Senf verkosten könne (schließlich kostet ein Glas über 7 Euro). Er wurde verdutzt angeschaut und es wurde laut verneint, dass es da nicht gäbe. Es sei auch nicht notwendig, da er sehr gut schmecke, das könne sie ihm versprechen. Na dann.

Normalerweise ein Sinnbild für den Irrglauben der Medizin im Mittelalter – hier ein Symbol für die Heilwirkung des Essigs – Die Pestnasen

Wir staunten dann aber auch nicht schlecht über die Preise. 125 ml Essig war die kleinste Größe und kostete 17 Euro. Das macht einen Literpreis von 136 Euro. Dafür bekommt man schon ein paar sehr gute Weine, die etliche Jahre mehr auf den Buckel haben. Wir gönnen uns ja gern etwas und nicht selten kommen wir aus einer Manufaktur und haben mehr als 100 Euro ausgegeben, aber das Preis-Leistungsverhältnis muss halt stimmen. 

Hier stimmt es nicht – die Produkte sind unserer Meinung nach doppelt so teuer wie sie sein sollten. Da würde ein halber Liter Essig immer noch über 30 Euro kosten, aber man hätte nicht das Gefühl, dass man für die Show bezahlt, sondern für eine handwerkliche Spezialität.

Aber wir sind hier wohl in der Minderheit – als wir zur Kasse gingen bemerken wir das alle in der Schlange vor uns mehr als 100 Euro ausgegeben haben. Da scheint wohl das Konzept aufzugehen.

Unser Fazit zum Weinessiggut Doktorenhof Wiedemann

Können wir den Doktorenhof empfehlen? Jein. Eigentlich sind die Produkte wirklich gut, und wenn man sich nicht vom Hokuspokus beeinflussen und von den Preisen abschrecken lässt kann man hier gerne mal vorbeischauen. Die Führung kann man auslassen – die 25 Euro sollte man in einen Essig investieren – und wer am Samstag früh morgens kommt kann sicherlich ein paar Essige verkosten, ohne dafür zu bezahlen und ohne angeschnauzt zu werden.

Adresse und Links
Weinessiggut Doktorenhof Wiedemann
Raiffeisenstraße 5, 67482 Venningen
https://doktorenhof.de/

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